Interessengemeinschaft der Waldbesitzer im Thüringer-/Frankenwald

Offener Brief des Bürgermeisters der Marktgemeinde Nordhalben Michael Pöhnlein an den Thüringer Ministerpräsidenten Bodo Ramelow zur Waldstilllegung bei Rodacherbrunn.

Markt Nordhalben
Leben und Arbeiten in perfekter Natur

DIE LINKE Thüringen
Herr Ministerpräsident Bodo Ramelow
Eugen-Richter-Str. 44
99085 Erfurt

Waldstilllegung bei Rodacherbrunn

Sehr geehrter Herr Ministerpräsident Ramelow,

ich wende mich als Bürgermeister einer bayerischen Marktgemeinde, die an den Freistaat Thüringen grenzt und auch über das "Grüne Band" mit Thüringen verbunden ist, an Sie als obersten Repräsentanten unseres Nachbarbundeslandes.

Nach unseren Kenntnissen plant die Bundesrepublik Deutschland rd. 1.400 ha BWG-Waldflächen bei Rodacherbrunn (Stadt Wurzbach), die an unser Marktgemeindegebiet angrenzen, nach einer Übergangszeit ohne Bewirtschaftung der natürlichen Entwicklung zu überlassen.

Auf unserem Gemeindegebiet grenzen viele private Wälder von Bürgern unserer Gemeinde bzw. aus der Region direkt an diese bisherigen BWG-Waldflächen. Die Wälder auf bayerischer Seite (Privat-, Kommunal- und Staatswälder) sind aus historischen Gründen sehr stark fichtengeprägt und durch den Klimawandel einer großen Gefährdung mit zunehmenden, im Privatwald existenzgefährdenden Schäden durch Borkenkäfer oder Stürme ausgesetzt Alle Waldbesitzer sind intensiv bemüht die Wälder durch Umbau zu Mischwäldern stabiler und gegen Gefahren sicherer zu machen. Trotzdem wissen wir, dass solche Waldumbaumaßnahmen viele Jahrzehnte in Anspruch nehmen werden, bis sie flächenwirksam sind. Wir haben deshalb große Sorgen, dass durch ein Beenden einer naturnahen Waldbewirtschaftung auf Thüringer Seite unsere Waldbesitzer ihre Wälder durch Borkenkäfer verlieren, die sich auf nicht bewirtschafteten Waldflächen jenseits des „Grünen Bandes“ entwickeln werden.

Aus berechtigter Sorge um unsere Wälder und die vielfältigen Waldfunktionen haben wir einige Fragen und bitten Sie um Aufklärung und Unterstützung:

Waldnaturschutz, Borkenkäfer, Waldumbau:

Auf fränkischer Seite des Frankenwaldes wurde im Jahr 2017 eine intensive Diskussion wegen der Errichtung eines "Nationalpark Frankenwald" geführt. Selbst die Naturschutzverbände stellten fest, dass der fichtenreiche Frankenwald sich aus naturschutzfachlicher Steht nicht für ein Totalschutzgebiet eignet, sondern aufgrund des hohen Fichtenanteils weiterhin eine dauerhafte, naturnahe Forstwirtschaft sinnvoller ist, um diese Fichtenforste in stabile Mischwälder umzubauen und die Artenvielfalt langfristig zu erhöhen. Für Naturwaldentwicklungen gäbe es wesentlich bessere Waldgebiete mit bereits jetzt hohen, natürlichen Laubholzanteilen.
Auch naturnah bewirtschaftete Waldgebiete können auf der ganzen Fläche Lebensräume für seltene Arten bieten. So beherbergt der Frankenwald mit den angrenzenden Thüringer Wäldern wegen seiner naturnahen Bewirtschaftung und vielen naturnahen Gewässern sowie trittsteinartig eingestreuten kleinen Schutzgebieten u.a. das größte Schwarzstorchvorkommen in Deutschland.

Für die o.g. Flächen im angrenzenden, thüringischen Teil des Frankenwaldes liegen die gleichen schwierigen Verhältnisse vor (überwiegend Fichtenwälder, wenig naturschutzfachliche Besonderheiten, Umbaunotwendigkeit der Wälder für viele Jahrzehnte).

Unsere Fragen dazu:

a) Werden die fachlichen Erkenntnisse aus der Diskussion "Nationalpark Frankenwald" in diesem Projekt mit einbezogen?

b) Gibt es Kontakte von den zuständigen Thüringischen Ministerien zur Bayerischen Forstverwaltung und zur Bayerische Staatsforsten AöR bezüglich des in Bayern verfolgten Waldnaturschutz-Konzeptes?

Waldfunktionen/Ökobilanz:

Holz ist ein nachwachsender, klimafreundlicher, kohlendioxidbindender Rohstoff, der hier in der thüringisch-fränkischen Region auf kürzesten Wegen in die vielen holzverarbeitenden Betriebe geliefert wird.
Diese Öko-Bilanz ist unschlagbar!
Die Forst- und Holzwirtschaft ist, mit all ihren Zulieferbetrieben, übrigens der größte Wirtschaftsfaktor in dieser Region.

Im beabsichtigen Stilllegungsgebiet liegt auch ein großes Wasserschutzgebiet für die Trinkwassertalsperre Mauthaus. Für die Qualität des Trinkwassers ist es unbedingt erforderlich, dass es nicht durch größere Schäden am Wald die Trinkwasserqualität in Mitleidenschaft gezogen wird (z.B. durch Nitratfreisetzung auf Borkenkäferkahlflächen. Für die Trinkwasserschutzgebiete ist ein Waldumbau hin zu laubholzreichen Wäldern besonders wichtig.
Dies gilt ebenfalls für die Quellen der Marktgemeinde Nordhalben, deren Einzugsgebiet in unmittelbarer Nachbarschaft des beabsichtigten Stilllegungsgebiet liegt.

Unsere Fragen dazu:

a) Warum riskieren wir, gerade in Zeiten des Klimawandels, diese sehr gute Öko-Bilanz möglicherweise zu verschlechtern?

b) Woher sollen die Ersatzmengen für diesen heimischen Rohstoff in Zukunft kommen?

c) Ist als Ersatz ein "Mehr Rausholen" aus den benachbarten Waldgebieten geplant?

d) Werden die Auswirkungen einer Stilllegung auf die Trinkwasserversorgung angrenzender Gebiete mitberücksichtigt?

Alternativen:

Wie uns aus Thüringen mitgeteilt wurde, gibt es zur geplanten Stilllegung von rd. 1.400 ha überwiegender Fichtenwälder angrenzend an Bayern auch die Alternative eines möglichen Tausches mit für den Waldnaturschutz wesentlich interessanteren Laubwaldflächen des Landes Thüringen (Thüringen Forst). Mit einer solchen Lösung könnte Thüringen Forst die fichtendominierten Wälder in unserer Nähe in den nächsten Jahrzehnten zu stabilen, naturnahen Mischwäldern umbauen und eine Ausbreitung von Borkenkäferkalamitäten verhindern. Für den Waldnaturschutz stünden die Laubwaldflächen zur Verfügung.
Wir dürfen Sie bitten diese Alternative intensiv zu prüfen und bei der Entscheidung auch unsere Sorgen mit zu berücksichtigen.

Im Gespräch bleiben:

Sehr geehrter Herr Ministerpräsident Ramelow,

wie uns von Thüringer Seite mitgeteilt wurde, soll Ende August ein Gespräch mit Vertretern des Umweltministeriums zu diesen Themen stattfinden. Wir begrüßen es sehr, dass die politischen Vertreter aus Thüringen sich ernsthaft mit den Sorgen der Waldbesitzer in Thüringen und Bayern auseinandersetzen.

In ernster Sorge um die Zukunft unserer Wälder und in der Hoffnung auf eine Lösung, die allen beteiligten Seiten gerecht werden kann.

Dieser Brief wird als „Offener Brief“ auch an die Presse in der Region weitergeleitet.

Mit freundlichen Grüßen

Michael Pöhnlein
Erster Bürgermeister

Antwortschreiben des Thüringer Ministerpräsidenten Bodo Ramelow auf den Offenen Brief